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Unbehindert Miteinander

Verstehen lernen- Toleranz üben!

„Unbehindert miteinander“, so lautet jetzt schon im vierten Jahr der Aktionstag für die sechsten Klassen der Paul-Winter-Schule. Der Tag soll den Schülern bewusst machen, dass es weder selbstverständlich ist, gesund zu sein, noch ein Makel, mit einer Einschränkung zu leben.

An fünf verschiedenen Stationen lernen Schüler, wie es ist, sich mit einer Behinderung im Alltag zu bewegen. Der zentrale Gedanke dabei ist nicht, Mitleid zu wecken, sondern behinderten Menschen mit dem nötigen Respekt, d.h. auf Augenhöhe zu begegnen. Um verstehen zu können und Toleranz zu üben, probiert man es am besten selbst einmal aus – unterwegs im Rollstuhl oder blind mit Taststock…

In der Turnhalle absolvieren die Schüler einen Rollstuhlparcours. Während einer fährt und der andere schiebt, schaffen sie es nur mit Mühe über eine kleine Kante zu kommen, die einer Bordsteinkante entspricht. Was zunächst ganz einfach aussieht, nämlich mit dem Rollstuhl los zu schieben, erweist sich dann doch als sehr anstrengend. „Positiv daran ist, wir müssen nicht die ganze Zeit im Rollstuhl sitzen, wenn ich keine Lust mehr habe oder es anstrengend wird, stehe ich auf.“ Über die Schwierigkeiten den ganzen Tag im Rollstuhl zu verbringen, kann Sebastian R., ein Mitschüler aus der 5. Jahrgangsstufe, viel erzählen. Er ist von Geburt an gehandicapt und sitzt seit seiner frühen Kindheit im Rollstuhl, trotzdem hat er eine positive Lebenseinstellung. „Wenn man will“, meint er, „kann man auch im Rollstuhl eine Menge unternehmen“. Er und seine Mutter, die ihn am Projekttag begleitet, zeigen den Schülern so manchen kleinen Trick im Umgang mit dem Rollstuhl. Zum Schluss ermutigt Frau R. die Schüler: „Schaut immer auf eure Stärken und nicht so sehr auf das, was ihr gerade nicht könnt. Holt euch Unterstützung, denn miteinander geht vieles leichter.“

Im nächsten Raum trafen die Schüler Frau Riedel von der Stiftung Sankt Johannes. Sie leitet den Fachdienst für Inklusion. Hier konnten die Schüler mehr erfahren über die Begriffe  Inklusion, Behinderung, Barrierefreiheit und Leichte Sprache. Die Teilnehmer lernten, dass Behinderungen vor, während und nach der Geburt auftreten können. Dass die meisten Behinderungen jedoch im Laufe des Lebens erworben werden löste Staunen und Betroffenheit aus. In einem Erzählkreis konnten die Schüler berichten, was sie bereits selber für Erfahrungen gemacht haben, z.B. durch Unfälle, und wie es ihnen damit geht. Hierbei wurde besonders darüber gesprochen, wie wichtig das soziale Miteinander ist und dass Menschen mit Behinderung oft dieselben Bedürfnisse haben, wie Menschen ohne. Deswegen ist es besonders notwendig, niemanden zu verurteilen. Falsche Bewertungen und Urteile  bereiten Menschen oft Sorgen, vor allem wenn sie auf Hilfe angewiesen sind.

Viele Probleme  entstehen zu dem durch Schwierigkeiten in der Kommunikation. Frau Sims, Praktikantin im Inklusionsbüro und Prüferin für Leichte Sprache,  stellte den Schülern in diesem Zusammenhang  das Thema Leichte Sprache vor.
Viele Texte, z.B. Formulare, Regeln, Aushänge, Gesetze oder auch Speisekarten sind für viele Menschen nicht gut zu lesen und stellen somit eine  Barriere dar. Fremdwörter und kleine Schrift erschweren Senioren, Migranten, Kindern und Menschen mit verschiedenen Behinderungen die Teilhabe an der Gesellschaft. Die Schüler konnten in einem Spiel die Leichte Sprache kennenlernen und sehen, wie Bilder und einfache Worte unser Leben erleichtern.

Wie es ist, mit einer Behinderung zu leben, darüber berichtet Familie Harsch, eine ganz besondere Familie. Während beide Elternteile gehörlos sind, kann Sohn Sebastian jedes gesprochene Wort gut hören. Sebastian ist den Schülern der sechsten Klasse ein bekanntes Gesicht, besucht er doch in der fünften Klasse selbst die Paul-Winter-Schule. Das wirft Fragen bei den Schülern auf, von denen viele an diesem Projekttag zum ersten Mal in ihrem Leben auf gehörlose Menschen treffen: Wie lernt man, wenn man nichts hören kann? Wie verständigt man sich? Und darf man so überhaupt Auto fahren? Familie Harsch beantwortet die Fragen liebend gerne. Sebastian erklärt ausführlich und anschaulich, wie Lichtblitzwecker, Rauchmelder für Gehörlose oder die Türklingel funktionieren.  Frau Ronja Kunze, Gebärdensprache-Dolmetscherin, übersetzt eifrig alle Anfragen für die Eltern von Sebastian. Ihnen ist es ein besonderes Anliegen, aufzuklären und Berührungsängste abzubauen.

Wie sich Blinde im Alltag zurechtfinden und was ein Blindenhund so alles kann – dazu lieferte Frau Graf den Sechstklässlern die Antworten. Vor ca. 20 Jahren begann für Frau Graf ein langsam fortschreitender Erblindungsprozess, so konnte sie sich langsam daran gewöhnen irgendwann einmal nichts mehr zu sehen. Ihre Sehkraft zum jetzigen Zeitpunkt beschreibt sie wie einen dichten Nebel, bei dem man nur in unmittelbarer Nähe schemenhaft etwas zu erkennen glaubt. Um das fehlende Sehvermögen auszugleichen, hat sie ihre Aufmerksamkeit so trainiert, dass die Wahrnehmung ihrer anderen Sinne – hören, riechen, tasten – oft tiefer und differenzierter ist. Die Schüler sind neugierig, wie sie ihr Leben mit der Einschränkung bewältigen kann. Sie wollen wissen, wie sie Farben der Kleidung erkennen kann, wie sie einkauft und kocht, wie sie Geld unterscheidet und vieles, was so zum alltäglichen Leben gehört. Frau Graf holt aus ihrem Rucksack verschiedene Gegenstände, die ihr das Leben erleichtern – ein Farberkennungsgerät, das ihr die Farbe sagt, sobald sie es an die Kleidung hält. Oder auch den Einkaufsfuchs – ein mobiles Erkennungsgerät für Produkte und Gegenstände, das Strichcodes lesen kann, die sich auf vielen Produkten befinden. So weiß sie, was sich in der Dose oder der Verpackung befindet.

Der „Star“ aber ist Moses, der Blindenführhund von Frau Graf, der sich gerne mal streicheln lässt, wenn er nicht „im Dienst“ ist und kein „Führgeschirr“ trägt. Für Frau Graf ist Moses gewissermaßen wie ein Auge. Er führt sie sicher durch die Straßen der Stadt, so kann sie viel mehr ohne fremde Hilfe unternehmen und gewinnt ein Großteil Selbstbestimmung zurück. Die Schüler staunen nicht schlecht, als sie hören, wie Moses die Befehle „zeig Tür“, „zeig Bank“ oder „zeig Ampel“ ausführt.

Weil Frau Graf im Alltag auf den Hund angewiesen ist, darf Moses überall hin – auch in den Supermarkt, in Arztpraxen und ins Kino. Bei seiner Aufgabe als Führhund muss Moses sich sehr konzentrieren, deshalb sollte man ihn, wenn er sein weißes Führgeschirr trägt, nicht durch Ansprechen oder Streicheln ablenken. Wenn Moses dieses Geschirr nicht trägt, hat er Freizeit und ist ein Hund wie jeder andere.

Doch wie fühlt es sich an, wenn man blind ist? Die Schüler machten selbst den Test: Mit einem Blindenstock ausgestattet, sollten sie versuchen, sich im Schulhaus zurechtzufinden. Das ging bei manch einem nicht ohne blaue Flecken ab, da die Übung und vor allem die Geduld fehlte, zuerst mit dem Stock zu tasten und dann loszumarschieren.
Weitere Erfahrungsstationen waren Tastkästen mit spannenden Inhalten, ein „Krabbelsack“, ein Hör-und ein Tastmemory, das Kennenlernen und Anwenden der Blindenschrift und als Highlight verschiedene Geschicklichkeitsübungen mit der sog. Rauschbrille. Diese Brille lässt den Träger spüren, wie eingeschränkt das Sichtfeld und damit auch die eigene Balance eines Sehbehinderten sind.

Der Aktionstag ist für die Schüler der Paul-Winter-Schule – eine Schule mit Inklusions-Profil – ein Gewinn. Inklusion bedeutet hier: verstehen lernen und Toleranz üben. Konkret wird dies in Lernprozessen, die sich mit Situationen beschäftigen, die einem selbst fremd sind. Wenn man Menschen, die anders leben oder aussehen als man selbst, nicht kennt und nicht versteht, entwickeln sich leicht Vorurteile. Deswegen ist es gut, schon in der Schule zu üben, tolerant zu sein und ein Gespür dafür zu entwickeln, dass allen Menschen die gleiche Würde zusteht. WÜRDE des Menschen darf niemals KONJUNKTIV sein!

Das Team und die Schulleitung bedanken sich bei den externen Mitarbeitern, dem Staatl. Gesundheitsamt und dem Sanitätshaus Spörer.