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Wenn Menschen ihr Leben vergessen

Mini Forster-Hüttlinger spricht vor Schülerinnen und Schülern der 9. Jahrgangsstufe der Paul-Winter-Schule zum Thema „Leben mit Demenz im Alltag“

Demenz – auf den ersten Blick nicht unbedingt ein Thema, das Jugendliche zu interessieren scheint. Da die Demenz jedoch zu den häufigsten Erkrankungen gehört – allein in Deutschland sind etwa 1,7 Millionen Menschen davon betroffen – kann jeder von uns und natürlich auch jeder Jugendliche mit der Krankheit in Kontakt kommen, wenn beispielsweise Großeltern oder andere Angehörige betroffen sind.

Aus diesem Grund haben sich die Fachschaften Religion und Ethik an der PWS dazu entschlossen, einen Vortrag für die 9. Jahrgangsstufe zu diesem Thema zu organisieren. Als Referentin durften wir Frau Mini Forster-Hüttlinger bei uns an der Schule begrüßen, die aus einer sehr persönlichen Perspektive über die Krankheit erzählte.

Sie informierte zunächst über einige Fakten zum Thema Demenz. Die Ursachen für diese Erkrankung sind noch lange nicht vollständig erforscht, jedoch erfordert die wachsende Zahl von Menschen, die an Demenz erkrankt sind, bereits heute viel Verständnis und Hintergrundwissen, um richtig handeln zu können.

Typische Anzeichen einer Demenz sind Störungen des Gedächtnisses, des Denkens, der Orientierung und der Auffassungsgabe. Auch die Rechen- und Lernfähigkeit sowie das Sprach- und Urteilsvermögen können beeinträchtigt sein.

Für die Familien erweist sich das Zusammenleben mit einem Demenzerkrankten häufig als eine große Herausforderung. Neben dem Vergessen kommt es bei den Erkrankten auch zu Veränderungen der emotionalen Kontrolle, des Sozialverhaltens und der Motivation. Ein geliebter Mensch wird zum Fremden, dessen Verhalten man nicht mehr versteht, da der Kranke in seiner eigenen Welt lebt. Er benötigt vielfältige Hilfe, die jedoch bis zu einem gewissen Grad jeder leisten kann, der sich mit der Erkrankung beschäftigt hat und weiß, worauf zu achten ist.

Eindrucksvoll berichtete Frau Forster-Hüttlinger über die Demenzerkrankung ihres mittlerweile verstorbenen Vaters und gab wertvolle Tipps zu einem würdevollen Umgang mit Menschen mit Demenz.  Ihr Grundkonzept im Umgang mit ihrem Vater war, wie sie selbst sagte: „Liebe und Verständnis – einfach das Gefühl, dass ich ihn verstehe und ernst nehme.“ Auch schilderte sie, dass sie ihrem Vater immer wieder Aufgaben gegeben habe, um ihm das Gefühl zu geben, gebraucht zu werden. Darüber hinaus trugen ein sensibler Umgang mit den Eigenheiten des Vaters sowie das gewohnte, heimische Umfeld dazu bei, dem Vater bis zuletzt ein Leben in Sicherheit und Würde zu ermöglichen.

Die Diagnose „Demenz“ ist für den Betroffenen selbst und auch für die Familie immer ein Schock. Sie geht einher mit großen Ängsten und Belastungen, gerade auch für die Angehörigen, die sich in der Pflege engagieren.  Durch die ständigen Anforderungen geraten oft auch motivierte und psychisch stabile Angehörige in einen Erschöpfungszustand und benötigen selbst Hilfe. Ein Erfahrungsaustausch mit anderen Betroffenen – wie in der Selbsthilfegruppe, in der Frau Forster-Hüttlinger sich engagiert – kann hier wertvolle Hilfe leisten.

Aufklärung und ein offener Umgang mit Demenz in der Gesellschaft können dazu beitragen, eine Vereinsamung zu mindern. Ein demenzfreundliches Umfeld zu schaffen, kann so gesehen nicht früh genug in Angriff genommen werden, denn „Honig im Kopf“ ist ein hochsensibles Thema, dem wir uns alle stellen müssen.

Den Fachschaften Religion und Ethik ist es bei diesem Thema wichtig, nicht nur Wissen über die Krankheit zu vermitteln, sondern vielmehr die Schüler auch für ein Menschenbild zu sensibilisieren, das den Wert des Menschen nicht nur an seinen geistigen Fähigkeiten bemisst. Wer geistig nicht mehr folgen, wer nicht mehr sinnvoll kommunizieren kann, der droht, aus unserer menschlichen Gemeinschaft herauszufallen. Die Würde ist jedoch immer auch ein interaktives Geschehen – diese Würde wird dem Menschen mit Demenz von demjenigen entgegengebracht, der ihn trotz der Erkrankung versteht und annimmt. Gerade das hat Frau Forster-Hüttlinger, die ihren Vater in seiner Krankheit akzeptiert und ihn bis zum Tod begleitet hat, in einer besonderen Weise zum Ausdruck gebracht.

Jutta Kieler-Winter (Ev.R.); Katharina Unger (Kath.R.); Tanja Ortner (Ethik)We

Zeitungsartikel:

2019-10-02 DK Wenn Menschen ihr Leben vergessen

2019-10-02 NR Wie Demenz einenMenschen verändert